7. Trollhättan

Trollhättan, ist das Powerhaus der schwedischen Wirtschaft und zwar im buchstäblichen Sinne: bereits seit dem Mittelalter wurde die Kraft des örtlichen Wassers hier genutzt. Früher gab es hier einen Wasserfall – ihr kennt sicher die Firma Vattenfall. Vattenfall ist schwedisch für Wasserfall, und zwar der Wasserfall hier in Trollhättan. Mittlerweile wurde der Wasserfall von Schleusen und Kanälen gebändigt, die die ganz Stadt durchziehen. Das Wasser prägt diese Stadt, überall begegnet es einem. Und ich liebe es.
Ich muss meine Vorurteile gegenüber schwedischen Kleinstädten zugeben, die sich zusammenfassen lassen mit „nett, aber will ich nicht tot überm Zaun hängen“ (ich weiß, dass es vielen meiner Leser anders geht. Jedem das seine, ich kann gut verstehen, warum man das schwedische Kleinstadtleben liebt. Ich für meinen Teil liebe das Großstadtleben und bin jeden Tag glücklich, dass es mich nach Stockholm verschlagen hat).

Riesenrutsche!


That said… Ich verliebe mich auf den ersten Blick in Trollhättan. Die Stadt ist eine Mischung aus Industrieerbe, und da ich von der Saar-Achse komme, fühlt es sich direkt heimisch an. Gleichzeitig ist da überall Wasser, überall. Es ist, als hätte jemand Völklingen genommen, ihm eine anständige Einkaufsstraße verpasst und ein wenig Amsterdam reingemischt. Es ist wundervoll! Ich will mehr davon sehen!
Leider ist mein Knie anderer Meinung. Das Restaurant, in dem wir zu mittag essen, ist lecker, aber das beste ist: ein Klo zu ebener Erde! Und sobald ich aufstehe, schmerzt es. Wir fahren zu dem Olidan Wasserkraftwerk, das seit 1910 in Betrieb ist, und immer noch Strom liefert, und das man sogar besichtigen könnte, wäre da nicht Corona.

Was hingegen geöffnet ist, ist Vattenkraftens Lekpark, ein thematischer Spielplatz. Martin und Jess wollen einen Wanderweg erkunden, und zur Kopparklinten, dem Aussichtspunkt auf der anderen Seite des Flusstals. Ich warte hier mit Kind. Besser gesagt, ich warte hier ohne Kind. Es gibt hier nämlich eine Riesenrutsche und ein Wasserspielplatz mit SCHLEUSENSYSTEM! Wie genial ist das? „Viel Spaß, schau dass du nicht völlig durchnässt bist“ ruf ich Tochter zu, aber sie ist schon verschwunden auf dem Turm. Ich bin happy. Ich kühle mein Knie, und genieße den Ausblick auf das Wasser… so viel mehr sieht man von der Kopparklinten bestimmt auch nicht… ach was, wem mache ich was vor? Ich bin glühend eifersüchtig auf Martin und Jess, und die grandiose Klettertour, von der sie mir später berichten. Morgen, denke ich mir, morgen gehe ich mit!


Auf dem Weg zurück in die Herberge müssen wir warten, denn die Zugbrücke ist oben. Ja, das gibt es auch in dieser Stadt: verschiedene hebbare Brücken. Es erinnert mich an London, oder Chicago. Tochter sitzt mit nacktem Hintern auf ihrer Wanderjacke- natürlich hat sie sich mit dem Wasser vollgespritzt, spätestens, als sich auf die Wasserstraße draufgesetzt und mit ihrem Hintern den Fluss blockiert hat. (Tipp: immer Wechselkleider mitnehmen. Vor allem in Trollhättan).
Zurück in der Herberge sind die Pengulls für den Tag nach Hause gegangen, dafür sind noch mehr Gäste angekommen, und es wird mehr und mehr klar: es gibt nicht genug Möglichkeiten für social distancing. Wir drücken uns in der Gegend rum. Ich habe andere Probleme. Ihr erinnert euch, dass ich erzählt hab, die Toilette wäre auf dem Gelände den Berg hoch? Und Bergsteigen ist die Sache, die mein Knie nicht mitmacht. Unter Tränen krieche ich den Berg hoch, bete, dass sich eine Lösung findet. Der Himmel antwortet: die Toilette geht kaputt!
Ja, echt. Die Toilette ist so ein lokales Ding mit Tank untendrunter, der wenn er voll ist abgepumpt wird. Und der ist grad voll und läuft über. Der Gestank ist nicht zum Aushalten. Glücklicherweise ist das Personal noch da und sie rufen einen Spezialisten zu Hilfe. Und der kommt, mit seinem 2,55 m breiten LKW auf dem 2,55 +1 breiten Weg. Gibt es hier noch jemand, der immer gedacht hat, Star Wars mäßiges Ausweichen im Asteroidenfeld wäre unrealistisch? Ich glaube ja, Han Solo war in Wirklichkeit ein schwedischer Sanitärarbeiter (macht sich als Originstory halt nicht so gut).
Anyway happy end! Es ist zehn Uhr, das Klo klappt wieder. Ich hab das Bett mit Jess getauscht – keine Chance, dass ich dieses Bett hochkomme, und wir gehen schlafen, und ich hoffe, dass das Knie morgen wieder in Ordnung ist.
Spoiler… nein, kein Spoiler, ihr wisst eh, was kommt. Der Morgen graut, im wahrsten Sinne des Wortes. Es regnet Bindfäden, und mein Bein schmerzt jetzt nonstop. Ich google Symptome. Großer Fehler! Googlen ist ja immer automatisch Tod und Verderben. Und so ist es auch dieses Mal. Google meint, ich müsste notoperiert werden. Um rauszukriegen, wo ich mich hinwenden kann, ruf ich die 1177 an, die schwedische Hotline für alle Krankheitsfragen.

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