6. Boot und Pengulls

Der Morgen dämmert und mit ihm kommen die Singvögel und die Pengulls. OK, diese Referenz versteht wohl keiner. Es gibt ein Spiel namens Don‘t starve, in dem es darum geht… na ja, nicht zu verhungern. Man muss Nahrung sammeln und Haus bauen, und irgendwann kommt dann der Winter und eine Horde Pinguine, Pengulls, fällt ins Lager ein. Die kommen aus dem Wasser gehüpft, und dann sind sie da. Pengulls sind nicht böse. Sie sind einfach nur da, watscheln rum und stehen überall im Weg.
Morgens um acht steht plötzlich eine Horde Jugendlicher vor dem Haus. Sie platschen im Wasser, blockieren die Toiletten. Tochter ist hellauf begeistert, und möchte auch ein Pengull werden. Wir suchen die Erwachsenen, die am Rand stehen und von denen einer einer hundert Prozent wie Maui aus Vaiana aussieht (ernsthaft), und fragen vorsichtig nach… wo zum Geier die herkommen?


Sie gehören zur örtlichen Kirchengruppe, und machen hier immer Freizeit, erklärt Swedish Maui. Ja hier, die Herberge hier hier gehört doch zur Kirche. Wussten wir das nicht? Nein, wussten wir nicht, sage ich und vermeide es, Jess anzusehen. Jess stammt ursprünglich aus dem amerikanischen Bible Belt, und alles, was auch nur im entferntesten mit Christentum zu tun hat, verursacht bei ihr allergische Reaktionen. Mit Mühe überzeuge ich sie davon, dass sie nicht spontan in Flammen aufgehen wird, wenn sie das Haus wieder betritt. Sie macht einen Gegenvorschlag: Bootfahren. Richtig! Wir hatten ja das Ruderboot gemietet. Und draußen auf dem See locken Wasservögel und eine einsame Insel!


Bootfahren gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen der Schweden. Um die Ecke gibt es schließlich einen See. Oder das Meer. Oder das andere Meer. Ihr macht euch ein Bild! Umso seltsamer, dass Martin und ich noch nie in Schweden Boot gefahren sind. Bei Jess ist es schon diverse Jahre her, und so dauert es eine Weile, bis sie und Martin das Boot unter Kontrolle haben (sagen wir es so: auf der 800 Meter Strecke bis zur Insel habe ich bei Pokemon Go mein 7-Kilometer-Ei ausgebrütet).
Von oben sah unser Weg wahrscheinlich aus, als wären wir besoffen.
Aber die Insel ist es wert. Wir fühlen uns wie Entdecker, die ihren Fuß zum ersten mal auf von Menschen unberührtes Land setzen. Wir erkunden die verlassene Insel und finden winzige Kröten. Wahrscheinlich die Kinder von denen letzte Nacht. Wir finden seltsam geformte Pilze. Und Feuerstellen … so verlassen und unberührt war die Insel dann doch nicht. Ok, ich gebs zu, der Anlegeplatz, an dem unser Boot festgemacht liegt, hätte uns einen Hinweis geben können. Aber Tochter kräht weiter von Entdecker, und während wir uns abstoßen und durch den Seerosenteppich davongleiten, stimmen wir ihr zu. Manchmal ist es nicht wichtig, ob etwas schon entdeckt ist, sondern, dass wir es entdeckt haben!
Jetzt bin ich mutig geworden und will auch mal versuchen, zu rudern. Ich übernehme die Ruder, und beginne, während die anderen mich navigieren. Nach zehn Minuten schaue ich mich um. „Sind wir schon wieder an der Herberge?“
„Nicht ganz.“
Ich schaue mich um. Wir befinden uns exakt an der gleichen Stelle wie vorher.
„Aber wie kann das sein? Ich hab gerudert wie verrückt!“ Ich bin fassungslos. Gab es eine starke Gegenströmung? Hab ich uns durch ein Wurmloch gerudert?
Ich hab uns im Kreis gerudert, immer 10 Meter im Durchmesser.
„Das heißt, ich hab nichts geleistet?“
„Ach was. Am Schluss warst du richtig gut. Und du hast bestimmt noch ein Ei ausgebrütet.“ Mein Handy summt zustimmend.
Ich grinse. „dann ruder ich noch ein bisschen weiter?“
„Lass mich mal. Wir wollen vor dem Gewitter zurück sein.“

Der See ist inspirierend!


Tatsächlich sind dunkle Wolken aufgezogen. Und es grummelt im Hintergrund. Bei einem Gewitter wollen wir nicht auf dem See sein, da sind wir uns einig. Also greift Jess das Ruder. Und wir erreichen das Ufer exakt, als der Regen losgeht. Gute Sache! Wir rennen den Berg hoch, als mir plötzlich das Bein wegbricht. Ach ja, als ich heut morgen aus dem Bett rausgekrabbelt bin, war da ein reißender Schmerz und es fühlte sich an, als wär da was gerissen. Hab ich öfter, also hab ich es einfach ignoriert. Hab ich auch jetzt vor, ich humpele hinter den anderen her, will mein Bein kühlen, und dann ist es bestimmt gleich wieder gut, ja? (Spoiler: nein!)

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