2. Vätternsee

Kennt ihr das Gefühl, dass einem das Hirn durchgebrannt ist und man keine geraden Gedanken mehr fassen kann? So fühle ich mich grad. Dabei war der Plan doch ganz einfach! Zum Vättern fahren, da gibt es soo viele schöne Plätze zum Zelten. Die App ist ganz grün vor Zeichen. Nur haben wir nicht weitergedacht: Die ist so grün, weil es einer der beliebtesten Flecken im Land ist. Wo immer wir hinkommen, stehen schon Zelte. Dazu kommt, dass die Straßen hier Einbahnstraßen sind (ja, 15 Kilometer lang. Huurah, und yay) und dass es dauernd regnet. Nach stundenlanger Suche beschließen wir, bei dem ersten Platz stehenzubleiben, den wir uns angeschaut haben. Nicht ideal, aber wir finden ein Plätzchen fürs Zelt. Wir kommen an. Und es regnet. Und regnet. Kein Problem denken wir, wir haben ja nen Kombi! Wir schlafen einfach im Auto. Gute Idee, schlechte Idee! Nachdem wir unsere Ausrüstung auf die Vorderbank bugsiert haben und und ausstrecken, merken wir, dass Martin mit seinen 1,85m kaum irgendwie bequem liegen kann. Und dann ist da noch eine weitere Kleinigkeit: Wir sind zu dritt! und unser Kind, so schlank sie ist, ist dreidimensional und braucht Platz (abgesehen davon, dass sie gerne mal quer liegt und eigtl. am meisten Platz von uns allen braucht.


Anyway, das hier funzt nit. Mittlerweile hat auch der Regen aufgehört. Also doch Zelt aufbauen. Args, sind wir organisiert! Wir schleppen unseren Kram rüber, neugierig beäugt von den anderen Leuten hier, die den Unterstand für die Nacht ergattert haben. Als der Geruch von Lagerfeuer an meine Nase steigt, werd ich doch neidisch. Ich will auch einen richtigen Unterstand.
Schließlich steht das Zelt. Wir essen, kalt, als die Sonne über dem Vättern untergeht, mit dem tollsten Regenbogen, den man sich vorstellen kann. Die tiefstehende Sonne färbt den Bogen tieforange. Aber da ziehen auch schon neue Wolken auf. Na ja, wir wollten eh früh ins Bett gehen.
Diesmal schlafe ich besser, jedenfall s, bis sich plötzlich zwei kleine Hände wie ein Schraubstock an mich klammern. Ich schrecke hoch. „Mamaaa, es ist so dunkel, ich hab Angst.“
Ich leg ihr die Hand auf den Arm. „Alles gut. Wir sind alle hier. Du bist sicher…. Äh, du?“ Keine Antwort. Sie schläft schon wieder. Ich bin beruhigt. Für sie ist das wichtige, dass wir da sind. Alles andere- zweitrangig.

Wir erwachen am nächsten Morgen. Es war frisch in der Nacht, aber dafür, wie nah wir am Wasser sind, erstaunlich trocken. Unsere Nachbarn hingegen fluchen. Sie haben das gleiche festgestellt wie wir vor zehn Jahren am Vättern: die Unterstände sind Futterstellen für die Stechmücken. Wie Zombies schlurfen sie zwischen Frühstück und ihrem Auto hin und her, ihre Augenringe aus fünf Meter Entfernung sichtbar. Sie nicht nicht nur total zerstochen, sondern auch total übermüdet, weil die Viecher sie nicht haben schlafen lassen.
Wir dagegen sind erfrischt und setzen uns zu einem ruhigen, gemütlichen Frühstück. So war jedenfalls der Plan. Wir haben uns grad zum Essen hingesetzt als das erste Auto ankommt. Wanderer steigen aus. Und noch eins. Und noch eins. Scheinbar befindet sich unser Zeltplatz am Startpunkt einer der beliebtesten Wanderwege des Omberg, der Gegend, in der wir uns befinden. Im Minutentakt kommen die Wanderer vorbei und schauen abwechselnd fasziniert und erschreckt auf unser Frühstück. Social distancing machen wir zwar immer noch – niemand kommt näher als zwei Meter an uns ran, aber es fühlt sich sicher nicht so an. Also packen wir unsere Plünnen und fahren fünfhundert Meter weiter zum Kloster.


Das Kloster Alvastra war im Mittelalter bis weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Die heilige Birgitta (Brigitta von Schweden) lebte dort für einige Jahre, bevor sie in Vadstena, nur einige Kilometer von hier entfernt, ihr eigenes Kloster gründete. Und dann kam Luther und die Reformation, Schweden wurde protestantisch und Avesta, so wie viele andere Kloster, aufgegeben. Nachdem es viele Jahre lang als Steinbruch genutzt wurde, wurde es dann im letzten Jahrhundert wieder ausgegraben. Heute stehen Ruinen da und das Kloster ist ein beliebtes Ausflugsziel für die Touristen am Vätternsee.
Und sie sind da. Alle! Gefühlt befinden sich sämtliche Leute im Kloster, die nicht den Wanderweg an unserem Frühstücksplatz genutzt haben. Glücklicherweise stehen vom Kloster nur noch die Grundmauern und einige Seitengebäude, so dass wir weiterhin an der frischen Luft sind. Und das Gelände ist riesig. Es mögen viele Leute hier sein, aber die Menge verläuft sich. Beim Anblick der Tafeln und der Bezeichnungen fühle ich mich an eine andere Zeit, und an den Namen der Rose erinnert. Tochter ist hellauf begeistert von der Ruine, mehr noch von den überall rumlaufenden Schauspielern. An dem Tag wird in dem Kloster gedreht. Wir können sie grad noch davon abhalten, selbst mitzumachen! Am Schluss möchte sie gern das Kloster einpacken, und alle Schauspieler!

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