1. Von Stockholm nach Nyköping

See-Kühe!

Das Auto ist gepackt und voller als geplant, aber ist es nicht immer so? Wir starten direkt nach dem Frühstück in Richtung Süden. Über die Autobahn geht es durch Stockholm hindurch, von weitem sehe ich die Kirchen, und die Inseln von Essinge, den großen Ball des Globen. Ich verabschiede mich von allen, und dann sind wir durch die Stadt durch, und die Häuser werden von Feldern abgelöst. Wie Legosteine liegen die eingepackten Strohballen darauf, und es atmet Gemütlichkeit. Ich hatte ganz vergessen, wie schön Schweden im Sommer ist. Davon hab ich geträumt, im März, während der langen Quarantänetage, und ich weiß, dass ich auf diese Momente zurückblicken werde in den langen Stunden, wenn der Herbst kommt und wir zurück in unsere Wohnung müssen.
Ein Teil der Gemütlichkeit liegt auch daran, dass Kind auf dem Rücksitz mucksmäuschenstill ist. Bei Reisen mit Kindern ist ja immer die Frage, wie kann man sie während der Autofahrt amüsieren, so dass sie sich nicht zu sehr langweilen. In Kinds Fall heißt die Lösung: unbegrenzte Mengen an Benjamin Blümchen. Wir haben die Folgen kurz vorher auf Spotify entdeckt, ich hab den als Kind geliebt, mittlerweile finde ich ihn eher … meh, und einige Sachen sind nicht besonders gut gealtert. Entsprechend und als gute Mutter habe ich auch noch andere Hörbücher gesucht und runtergeladen. Sie interessiert das nicht. Sie wünscht sich schon seit langem einfach nur sitzen und eine Geschichte Benjamin Blümchen nach der anderen bingen, ohne, dass Erwachsene sie stören. Familie, rumlungern, gute Kopfhörer und Töröh!


Heute fahren wir nur eine kurze Strecke, wir wollen schließlich ruhig anfangen, dann in aller Ruhe einen Zeltplatz am Meer suchen und unser Zelt aufbauen. Allemansrätt gilt immer noch. Jeder darf außer Sichtweite von bebauten Flächen für eine Nacht sein Zelt aufstellen. Klingt gut? Leider gibt es am Meer nicht so viele geeignete Plätze (also welche, die nicht bebaut sind, und nicht voll mit Felsen), und die, die wir finden, sind gedrängt voll. Wir wollen Social distancen, also was tun wir? – SJÖN!


Sjön ist schwedisch für See, und klingt etwa so, als würde ein Schweizer das Wort „schön“ aussprechen, mit seinem typischen ch. Und das ist auch ein perfekter Ausdruck für schwedische Seen: sie sind ein bisschen urig, und einfach schön!
Seen sind auch die Lösung für Social Distancing, denn es gibt einfach so verdammt viele davon in diesem Land! Du wirfst einen Stein, und wo der runterkommt, ist entweder klasse Gegend oder ein See. Also machen wir uns landeinwärts. Ich hatte mir im Vorhinein eine App heruntergeladen, die freie Parkplätze anzeigt, und auch wenn die eher auf Wohnmobile eingestellt ist, sind auch Zeltplätze vertreten. „Unbenannter Waldweg, 30 m rein, schöner See, mit Plumpsklo“, und so landen wir südlich von Nyköping auf dem ersten Übernachtungsplatz. Es gibt keinen Spielplatz, und das Plumpsklo ist… äh, voll, aber es gibt eine Feuerstelle, einen Badestrand, und- einen umgestürzten Baum! Das Zelt ist schnell aufgebaut, dann gehen wir schwimmen. Gegen Abend kommen ein paar Jugendliche aus dem Dorf, es ist genug Platz für alle, und als die Sonne untergeht, und wir unsere Ravioli mampfen, haben wir idyllischen schwedischen Zelturlaub.
Idyllisch? Meine Wirbelsäule ist anderer Meinung. Zelten war immer meine Lieblingsreiseart, und der Geist ist willig! Das Fleisch dagegen beschimpft mich. Gefühlt habe ich gar nicht geschlafen. Aber sobald ich aus dem Zelt klettere und aufrecht stehe, geht es mir direkt gut, ich bin ausgeschlafen und erfrischt. Kind auch. Sie platzt vor Energie. Sie klettert auf den Baum und beginnt ein Baumhaus für die Eichhörnchen zu bauen. Ich helfe und bringe Stöcke. So vergeht der Vormittag. Wir Erwachsene stehen wir vor einer Entscheidung. Sollen wir noch länger bleiben? Oder weiterfahren? Wir entschließen uns fürs Weiterfahren. Laut Allemansrätt dürfen wir nur eine Nacht bleiben. Und wir wollen unseren Plan nicht schon am ersten Tag umschmeißen. Tochter ist untröstlich. Sie will Baum nicht verlassen. Das wäre ihr Höhepunkt der ganzen Reise. Wir trösten sie. Es gäb bessere Spielplätze, sie wird schon sehen. Endlich fahren wir los, und mich beschleicht dieses flaue Gefühl, einen Fehler gemacht zu haben.

Baum!


Es gab bessere Spielplätze. Es gab keinen besseren als Baum!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.