Leipziger Buchmesse 2018 – Bücher, Navis against humanity und die Leipocalypse!

Im März 2018 fuhr ich auf meine erste Leipziger Buchmesse. Hier der ausführliche Bericht!

Ich und Anne Zandt am Nornenstand

Mittwoch:

EIN AUTO ZWEI AUTORINNEN

Ich bin in Berlin, und ich habe türkische Pizza. Berlin ist immer noch meine Lieblingsstadt und wenn ich da bin, muss ich türkische Pizza essen. So will es das Gesetz! Draußen regnet es, aber das ist mir egal. Heute fahre ich auf meine erste Leipziger Buchmesse.
Ein Opel biegt um die Kurve und mir lacht ein bekanntes Gesicht entgegen. Mit-Märchenspinnerin Janna Ruth kenne ich online schon seit zwei Jahren, im November haben wir uns auf der Buch Berlin kennengelernt. Ihr Buch „Im Bann der zertanzten Schuhe“ hat einen Senkrechtstart hingelegt, traumhafte Verkaufszahlen, haufenweise gute Rezensionen und zuletzt die Seraph-Nominierung. Und Letzteres schafft es, sogar Duracellhäschen Janna nervös werden zu lassen.
Wir plauschen über dies und das und jenes und schon bald taucht die vertraute Abfahrt auf. Leipzig! Wo Martin und ich gewohnt haben, damals noch getrennt, er in Leipzig, ich in Halle. Zehn Jahre ist das her. Und ein anderes Leben. Damals war ich noch Geograph, kurz vor meiner Doktorarbeit. Kurz wünschte ich, ich könnte zurückgehen, und meinem jüngeren ich sagen, dass ich nie in dem Beruf arbeiten werde, dass ich das mit dem Doktor auch genausogut sein lassen könnte. In meinen Romanen kann ich Szenen neu schreiben, meine Charaktere erleben ihre Katastrophen so oft, bis ich zufrieden bin. Doch die eigenen Wege kann man nicht ändern, und manchmal verlaufen die nicht so, wie man es denkt.
Apropos. Jana ist ein Schatz und fährt mich in Leipzig bis zu meiner Adresse. Aber sobald sie in das Wohnviertel einbiegt, beginnt das Navi zu spinnen „Durchgang gesperrt, bitte rechts abbiegen, bitte links abbiegen … Durchgang gesperrt, bitte links abbiegen, bitte geradeaus … Durchgang gesperrt …“ Nach dem vierten Kurven steige ich aus und entlasse die arme Jana.

DIE WG
Ich habe von der sagenumwobenen Tintenzirkel-WG gehört, und muss sagen: Es ist alles untertrieben! Seit Jahren schon mieten die Autoren vom Tintenzirkel eine Wohnung, von der aus sie zur Buchmesse starten, und ich hatte das Riesenprivileg, eingeladen zu werden. Die Umgebung war nicht so bunt – Plattenbausiedlung, innen ging umso mehr der Bär ab. Lisa hatte ihr Auto dabei, dass wir erstmal großzügig mit Chips, Wein und Brot vollpackten. Dann gab es standesgemäß Nudeln und Tomatensauce, und dann Cards against humanity. Also, wenn meine Bücher demnächst noch durchgedrehter werden, dann liegt es daran!

 

Donnerstag:

Lebt Kuddel eigentlich noch? Bestsellerautorin und rundum fabelhafte Person Ann Kathrin Karschnik liegt reglos neben mir. Ich hänge meinen eigenen Gedanken nach. Heute fahre ich auf die Leizpiger Buchmesse. Heute fahre ich als Autorin auf die Leipziger Buchmesse. Mein Buch wird dort stehen! Am Samstag werde ich dort eine Lesung haben NEIN! Die ersten drei Gedanken funktionieren, der letzte Satz ergibt in diesem Universum keinen Sinn. Egal. Samstag ist weit, und jetzt geht es endlich zur Buchmesse!

Mit Standkollegin Cara Dewinter

 

FANTASY MEETS REALITY
Der Stand ist klein, niedlich und sieht einfach genial aus! Das Motto „Fantasy meets reality“ prangt darüber. Sylvia kommt mir freudestrahlend entgegen, und ich lerne auch Sabrina kennen, unsere Spezialistin für Marketing, die von Sylvia „Marketingdemon from hell“ genannt wird. Aber bestimmt übertreibt sie, Sabrina sieht schließlich total nett aus. Und etwas nervös, denn erst vor wenigen Wochen hat sie den Sprung von hinter den Kulissen gewagt und wir haben auch ihr erstes Buch dabei. Ich verstaue meine Jacke, dann wird mir ein Stapel Flyer in die Hand gedrückt. Und Leute kommen. Und kommen. Ich kenne ja bisher nur Berlin, und Leipzig ist riesig (Frankfurt soll noch extremer sein, ich will mir das gar nicht vorstellen). Ich wollte ja bei Silvia in die Lehre gehen, lernen, wie man Leute anspricht. Aber zugucken ist nicht. Sabrina schiebt mich nach vorne. Ich rede mit Schulklassen, Bloggern und Bibliothekaren, mit alten, jungen, mittelalten Lesern. Vier Stunden später dreht sich alles um mich. Ich hab meine erste Schicht hinter mich gebracht und bin happy. Jetzt wird es Zeit, sich in Ruhe etwas umzusehen. Ich treffe mich mit Sascha Raubal, der letzte Woche den dritten Teil seines Kurts rausgebracht hat. Sascha ist live genauso wie im Internet, und auch der Kurt ist hundertprozent er. Würde man mich fragen, welcher Autor auf der Messe diese Mischung aus American Gods und Tatort ausgedacht hat, ich würde sofort auf Sascha zeigen.

Sascha Raubal und sein Kurt am Stand von Machandel

 

REALITY FEELS LIKE FANTASY (SERAPH-VERLEIHUNG)
Nachdem Sascha zu seiner Schicht zurückmuss, schleiche ich zur Panlounge. Dieser Ruhebereich ist nur für Autoren, Verlage und Journalisten und ich hab meine Akkreditierung verpennt. Aber ich hab wieder Glück – Mit-Wglerin Janika sitzt am Eingang und fünf Minuten später habe ich ein schickes Pan-Bädchen am Gelenk. Kurz überlege ich: Soll ich heimfahren, oder noch bis 5 Uhr warten. Denn da findet die Preisverleihung des Seraphs statt. Ich entschließe mich fürs Warten, muss ja Jana unterstützen, und schließlich sind noch so viele Leute da, die ich noch nicht begrüßt habe. Zwischen Tintenzirkel und Nornennetz kenne ich gefühlt die halbe Halle.
Als ich das nächste Mal auf die Uhr schaue, ist es fünf und die Preisverleihung beginnt. Und Jana gewinnt. Das ist der Clou. Jana gewinnt tatsächlich den Seraph! Die Halle tobt. Wir mit. Was für ein Abschluss des ersten Messetags!

 

Freitag:

Es war ein Kälteeinbruch angesagt, aber wir staunen trotzdem, als uns am nächsten Morgen wirbelnde Flocken begrüßen. Egal!

Schweden oder Leipzig? Was denkt ihr?

ALLE MEINE BUCHBABYS

Mich hat das Messefieber gepackt. Ich will mehr Leute treffen. Abends gibt es ein Essen mit allen Tizis, und morgen ist schon Lesungstag … Ich unterdrücke den Gedanken und nutze die freie Zeit. Neben meinen Büchern hab ich in mehreren Anthologien Geschichten veröffentlicht und die gehe ich jetzt in der Halle suchen und fotografieren. Sogar in einer anderen Halle finde ich mich wieder. Mein Distributor Nova ist auch auf der Messe und sie haben den Hollerbrunn dort stehen. Obwohl ich nicht viel zu tun hab, vergeht der Tag wie im Flug.

DIE LEIPOKALYPSE

Das Abendessen ist nett und rustikal, gute Hausmannskost, die ich ja in Schweden nicht so regelmäßig bekomme. Dann fahren wir heim. Es schneit immer noch, wir erleben den Anfang von dem, was in die Messegeschichte als Leipocalypse eingehen wird. Morgens war es noch Schneeregen gewesen, der zwischenzeitlich im Untergrund zu einer soliden Eisfläche gefroren ist. Lisa fährt unverdrossen, nur an ihrer etwas blassen Nase erkennt man, wie sehr sie schlittert. So kommen wir bis zu unserem Viertel- und ihr Navi spinnt.
Ich glaube ja, dass in Leipzig-Schönefeld ein kosmisches Loch oder sowas ist. Auf jeden Fall will uns das Navi sonst wohin schicken. Linksrum rechtsrum, und zwischendurch immer wieder die Ansage, es gäbe keine Parkplätze. Lisa ist kurz davor, das Ding aus dem Fenster zu feuern, als sich bei der vierten Runde schließlich das Wurmloch öffnet und wir können zur WG. Die Runde Cards against humantiy muss sein, danach Bett. Und morgen ist Samstag. Lesungstag …

 

Samstag:

REALITY MEETS FEAR – DER MESSESAMSTAG

Es gibt die Leipziger Buchmesse. Und es gibt die Leipziger Buchmesse am Samstag. Ich starre auf die Menschenmassen, die anderen sind weniger beeindruckt: Der Schnee hat viele abgehalten zu kommen und es sind weniger Leute als erwartet.
Ich bin nervös, irgendwie hatte ich gedacht, der Lesungstag würde nie kommen. Aber er ist da. Mein Plan für heute sah vor, mich in der Pan-Lounge zu verstecken und wegen der Lesung ganz langsam in Panik zu geraten. Da kommt die Nachricht von Silvia: Wir brauchen dich am Stand!
Um zwei Uhr stürze ich aus dem Stand. Die Lesung beginnt zwei- dreißig! Zu spät zum Mittagessen, zu spät zum Paniken, zu spät für alles. Am Stand von Torsten Low haben sich schon die Mitautoren versammelt. Ich bekomme eine Goldmedaille, eine Trillerpfeife und ein Tetesept (eigene Brauung). Ich möchte davonlaufen! Was hat mich geritten, zu schreien, als nach Lesung gefragt wurde? Ich weiß doch, dass ich Panik vor Leuten bekomme. In Berlin ging es so gut, aber das ist Leipzig. An einem Samstag! Auf der Leseinsel! „Übrigens: Nach euch liest Markus Heitz“, sagt jemand hinter mir. Ich schnappe nach Luft.

Für das Wohl der Autoren wird gesorgt!

„Na, hoffentlich ist der Arme dann nicht zu aufgeregt“, sagt Heike neben mir. Wider Willen muss ich grinsen.
„Bist du bereit?“, fragt sie. Und Heike ist jemand, für die es nur eine Antwort gibt: „Klar!“
Und einfach so ist es so. Die Panik verfliegt. „Ich lese auf der Leipziger Buchmesse“ ist immer noch ein Satz, der in dieser Welt keinen Sinn ergibt, und trotzdem werde ich genau das tun.
Die phantastischen Sportler ziehen mit Trillerpfeifen, Cheerleadern und Klappern ein, Herausgeber Wolfgang stellt uns vor, dann bin ich dran. Für einen Augenblick denke ich, ich bekomme keinen Ton raus. Aber dann kommt er, und der nächste, und der nächste. Ich blende alles aus, bin allein, nur ich mit meinem Text.

REALITY IS AWESOME
Und dann passiert das Seltsame. Bisher habe ich die Lesung verdrängt, doch plötzlich werde ich mir superbewusst: Ich bin auf der Buchmesse, ich lese. Und ich bin einfach nur glücklich! Der Text, die Mitleser, der Verleger, die Zuhörer, alles ergibt eine Einheit, alles ergibt einen Sinn, und ich bin genau da, wo ich sein will, und genau, wer ich sein will.
Und ich bin Autor, und deswegen zittert meine Stimme nicht, und ich vergesse nicht den Text. Vielleicht stehe ich etwas gerader, als ich die Worte lese, die in meinem Kopf entstanden, und die nun an hunderte Leute rausgehen. Dann bin ich fertig. Ich setze mich und genieße Heikes Auftritt. Der Rest des Tages vergeht in einem Wirbel aus lachenden Gesichtern. Abends sitze ich in der WG und signiere Lesezeichen (ich hab einmal erwähnt, dass ich abends nichts zu tun hatte, zack, hab ich nen Packen Lesezeichen von Sabrina in die Hand bekommen. Doch Marketingdemon from hell!), während wir einen Animationsfilm schauen, und noch im Bett klingt das Glücksgefühl nach. Mir ist nicht klar, wie viele Leute da waren – das sehe ich erst im Video danach. Ich weiß nur, ich hab gelesen, auf der Leipziger Buchmesse. Ein Lebensziel erreicht!

 

Sonntag:

Schweden oder Leipzig?

„DER LEIPZIGER BAHNHOF WURDE GERADE ZUM ZWEITEN MAL GESCHLOSSEN“ – REALITY SOUNDS LIKE FANTASY

„Wenn man den Pad in die Kaffeetasse wirft statt in die Senseo-Maschine, heißt das, dass man noch nicht genug Kaffee getrunken hat.“ Malinche, alias Sabrina Zelezny, fasst den Status zum Messesonntag perfekt zusammen. Wir sind happy, trunken und es gibt auf der Welt langsam nicht mehr genug Kaffee für uns. Dafür ist die Welt verrückt geworden. Drei Tage lang hat es geschneit, und kaum ein Räumfahrzeug wurde gesichtet. Selbst auf der Autobahn liegt mittlerweile das blanke Eis. (Neben der Autobahn liegen die Autoren). Meine Verlegerin Ingrid, nach zehn Stunden Dauerstau aus Österreich eingetroffen, schüttelt nur den Kopf. Bisher habe ich mich getraut, zu fragen, wie es um mein Herzenprojekt Valkyrie bestellt ist, das 2 Wochen vorher in Ingrids Verlag OhneOhren erschienen ist. Das hole ich jetzt nach und dann krieg ich das Grinsen schon wieder nicht mehr aus dem Gesicht. Ich gehe mit ihr und Tanja Rast in die Raucherecke, und wir reden über das Bücherleben, Gesundheit und Freundschaft. Da kommt die Hiobsbotschaft: Der Bahnhof in Leipzig wurde zum zweiten Mal komplett geschlossen. Die Stimmung in der Halle und der Pan-lounge verdüstert sich. Und dann hängt jemand einen Zettel auf. Mitfahrgelegenheiten werden angeboten und gesucht, Autoren, die einander bisher nur vom Namen kannten, öffnen ihre Autos und ihre Herzen. Um eins breche auch ich zur Busstation auf. Auf meinem Weg zurück nach Berlin und dann auf dem Flug nach Stockholm begleiten mich die guten Wünsche und Gedanken, in der Tasche habe ich ein halbes Dutzend Telefonnummern, falls ich unterwegs stranden sollte.

Handgestaltete Gewinnboxen am Nornenstand.

WE ARE FANTASY AUTHORS – WE BUILD A NEW REALITY

Man sagt, die Welt wäre kälter geworden, egoistischer, und das wäre die Schuld vom Internet. Aber nicht nur Entfremdung und Kälte gibt es online, auch Freundschaften und Gemeinschaften, die nur durch das Internet, nur in unserer Zeit überhaupt möglich geworden sind. Überall auf der Buchmesse habe ich diesen Geist des Zusammenhalts gesehen, diesen Austausch von Gefallen und kleinen Hilfen, die Märchenspinnerei entstand unter diesem Gedanken und das Nornennetz. Ich habe gesehen, was wachsen kann, wenn wir zusammenarbeiten und ich fühle mich geehrt und glücklich, Teil der Gemeinschaft sein zu dürfen, Teil von Leipocalypse 2018.

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